18. Oktober 2008, 20:00, Theater Stok Zürich

Abramo ed Isacco

Geistliche Oper von Josef Myslivecek

Aufführungen
Theater Stok Zürich, 18. Oktober 2008, 20:00
Theater Stok Zürich, 19. Oktober 2008, 17:00
Theater Stok Zürich, 24. Oktober 2008, 20:00
Theater Stok Zürich, 25. Oktober 2008, 20:00
Theater Stok Zürich, 26. Oktober 2008, 17:00
Katholische Kirche Rapperswil, 13. März 2009, 20:00
Kirche St. Peter und Paul (Aarau), 22. März 2009, 17:00
Lassalle-Haus (Zug), 10. April 2009, 20:00
Boswil, Alte Kirche, 29. Mai 2009, 20:00    
Nydegg-Kirche (Bern), 4. Juni 2009, 20:00
Lavater-Gesellschaft (Lavaterhaus, St. Peter Zürich), 5. Juni 2009, 18:15
Evangelische Stadtkirche Frauenfeld , 7. Juni 2009, 17:00
Goetheanum Dornach, 11. Juli 2009, 20:00
Rüttihubelbad, 11. April 2010
Reformierte Kirche Küsnacht, 18. April 2010, 17:00
St. Petra, Prag, 29. April 2010
Karlovi Vari, Prag, 1. Mai 2010

Musikalische Leitung Denette Whitter
Regie Serge Honegger
Kostüme Simone Straessle
Maske Marianna Glauser
Licht Simone Altner

Abramo Valentin Johannes Gloor
Angelo Meike de Villiers
Isacco Rebekka Maeder
Sara Rosina Zoppi

Galatea Streichquartett
Oboe Pilar Fontalba
Fagott Alessandro Damele

«Was Gott wird tun, wie kann der Staub das wissen?» – Programmheftbeitrag zur Inszenierung
Auf einem schmalen Grat bewegen sich die vier Protagonisten. Der Steg repräsentiert die wenigen Gewissheiten, die ein menschliches Dasein kennzeichnen; Sterblichkeit, Selbst-Bewusstsein und Körperlichkeit. Um diese kleinen Inseln der humanen Existenz weitet sich ein unendlicher Raum aus Träumen, verschwommenen Bildern, unklaren und sich widersprechenden Vorstellungen, Zweifeln und Ungewissheiten. In der Geschichte um die von Gott angeordnete Opferung Isaaks treffen diese beiden gegensätzlichen Räume der menschlichen Erfahrungswelt auf exemplarische Weise aufeinander.

Der Mensch zwischen Glauben und Wissen
Abraham wird von Zweifeln und Ängsten geplagt. Soll er tatsächlich sein Liebstes schlachten und damit dem göttlichen Versprechen, seinen Nachkommen das Land Kanaan zu übergeben, jede Grundlage entziehen? Wie weit reicht das menschliche Wissen? Wie gross ist das Vertrauen in die göttliche Macht? Und wie stark ist sein Glaube? – Der Widerspruch zwischen dem Verbot zu töten und der Forderung, dem Sohn das Leben zu nehmen, lässt sich nicht auflösen. Abraham entscheidet sich dafür, das Schicksal seines Sohnes in die Hand des Schöpfers zu legen. Gott sieht sein Vertrauen in Abraham bestätigt und er lässt einen Engel auftreten, der die Sohnestötung verhindert.

Der «störende Körper» und die Verwandlung des Menschen
Die Inszenierung beschäftigt sich mit Frage, ob der Glaube ein solches grausames Vorhaben rechtfertigt und welcher Spielraum den einzelnen Figuren bleibt, auf diese Situation zu reagieren. Dieser Zugang wird im Bewegungsrepertoire und in der Kostümierung der Figuren ersichtlich. Da sich Glaubenshaltungen vielfach an äusserlichen Merkmalen ablesen lassen und über verschiedene Kanäle wie Körperhaltung, Kleidermoden und verschiedene Symbole kommuniziert werden, setzt sich das Kostümbild und die Inszenierung mit unterschiedlichen Stufen des Körper-Zeigens und des Körper-Verhüllens auseinander. Die Rolle des Körpers im sakralen Zusammenhang kann als ambivalent bezeichnet werden: Zum einen ist er Zeichenträger, zum anderen setzt er als irdisches und sinnliches Element dem spirituellen Bereich Widerstände entgegen. So verwandelt sich der Mensch beispielsweise im Ritual einfacher in ein überirdisches Wesen oder in ein heiliges Tier, wenn er seinen Körper hinter Masken und Verkleidungen versteckt, verhüllt und vergessen macht. Auch in den meisten christlichen Glaubensgemeinschaften unterstützt eine formale und stilisierte Kleidung die Predigenden in ihrem Amt. Auch hier verschwindet die individuelle Person hinter ihrer rituellen Funktion. Und nicht zuletzt ist im Theater, das einst rein kultischen Charakter hatte, dieser Aspekt von grosser Bedeutung. Die Art der Kleidung und die Einstudierung von Bewegungsabläufen bilden die Grundlage für die Verwandlung der Darstellenden in ihre jeweilige Figur.

Zum Textmaterial des Zürcher Theologen Johann Caspar Lavater
Anstelle der Rezitative von Pietro Metastasio kommen gesprochene Texte aus dem geistlichen Drama «Abraham und Isaak» des Zürcher Theologen Johann Caspar Lavater zur Aufführung. Dieses ist heute, wie überhaupt das Wirken des damals berühmten und höchst angesehenen Zürcher Pfarrers, allgemein wenig bekannt. Durch die Schönheit, Einfachheit und Lebendigkeit der Sprache vermag der Text immer noch zu fesseln. Lavaters Dichtung bildet einen Kontrast zum Libretto von Metastasio, das der Form nach der spätbarocken Ästhetik zugehört. Dagegen lehnt sich der Text des Zürcher Theologen am freieren und direkteren Sprachduktus eines Rousseaus oder Klopstocks an. Aus den ausgewählten Textpassagen – sie bilden nur einen Bruchteil des gesamten Werkes – lässt der begnadete und wortgewaltige Rhetoriker erahnen.

Kulturelle und gesellschaftliche Blütezeit im Zürich des 18. Jahrhunderts
Die Epoche, in die Lavater geboren wurde, bildete für Zürich viele künstlerische, politische und gesellschaftliche Referenzpunkte aus. Die Stadt erlebte im 18. Jahrhundert grosse Umwälzungen auf den Gebieten des Staates, der Wirtschaft, der Kirche und der Wissenschaften. Alle diese Neuerungen spiegeln und brechen sich in der Literatur und werden durch sie gefördert. So auch in den Schriften von Lavater. Aus ihnen lässt sich die Begeisterung über die Entdeckung der Individualität, ihre Einmaligkeit, ihre unbegrenzte Vervollkommnungs- und Wirkensmöglichkeit lesen. Die Texte von Lavater nehmen das Ich ernst und illustrieren die gesellschaftlichen Umwälzungen in jener Zeit, wie sie zum Beispiel in der allgemeinen Kritik an der staatlichen Bevormundung zum Ausdruck kommt, oder im Zerbrechen von althergebrachten gesellschaftlichen Zwängen und erstarrten patrizischer Bräuchen.

Was Gott wird tun, wie kann der Staub das wissen?
Abraham, Isaak und Sara zeigen auf dem schmalen Steg ihre Unsicherheit, Verletzlichkeit und stellen ihre Suche nach Orientierung und Halt dar. Ihr Orientierungspunkt, ist das, was sie glauben, was sie für richtig halten, was sie gelernt haben und was ihnen gesagt worden ist. Ein starker Glaube verheisst ihnen in der Wirrnis des Lebens ein rettendes Licht und einen festen Boden. Diese Sicherheit kündet ihnen Gott in der Isaak-Episode auf. Es zeigt sich, dass Unsicherheiten und zweifelnden Fragen eine Grundlage für die Ausbildung von reflektierten Geistes- und Glaubenshaltungen bilden. Erst im Zweifeln und Zögern zeigt sich Abraham als Mensch. Ein Schrecken bleibt zurück, denn er wäre im Endeffekt über Leichen gegangen.

 

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www.operimknopfloch.ch