20. November 2018, 11:20

Totenreden

Studie zu den letzten Worten

In Totenreden, Begräbnisreden, Leichenreden, Grabreden oder Trauerreden wird den Verstorbenen das letzte Geleit gegeben. Einerseits werden sie im traditionellen christlich-kirchlich geprägten Umfeld gehalten, andererseits entwickeln sich in Folge der postmodernen Multioptionsgesellschaft neue Rituale, die alternative Sprechweisen und Sinnbezüge erlauben. Totenreden werden darüber hinaus nicht nur für Personen, sondern auch für Organisationen und Unternehmen gehalten. Erst nachdem das Lebendige vergangen ist, kann es zu einer fixierten Gestalt gelangen. Das endgültig Vergangene wird durch die sprachliche Form nochmals hervorgerufen. Es erscheint dabei nicht in seiner prozesshaften Seins-Weise, sondern in seiner fixierten Form.

Insgesamt ist der Diskurs von und über die  Toten vielgestaltiger, aber auch schwieriger geworden. Die Ablösung von der Deutungshoheit, die von der christlichen Kultur und ihrer Institutionen ausgeübt wurde, führt zu einer Neubestimmung zwischen Totem und Lebendigem.

Mit dem Bedeutungsverlust der christlichen Glaubenskultur geht die Suche nach neuen Sprachformeln einher. Diese nehmen einerseits auf die christlich-abendländische Tradition Bezug, integrieren aber auch neue Elemente. In der Studie untersuche ich, in welchen sprachlichen Formen sich die Totenrede in der Gegenwart manifestiert. Gegenstand der Arbeit sind literarische Texte. Es geht dabei darum, herauszufinden, wie sich in der Literatur die gegenwärtige Kodierung des Todes und der damit verbundenen Räume und Rituale spiegelt. Verarbeitet werden von den Autorinnen und Autoren Themen wie «der selbstbestimmte Tod» mithilfe einer Sterbehilfeorganisation, der «fremdbestimmte Tod» im Rahmen eines hochtechnologisierten Gesundheitssystems oder das «Nichtsterben-Lassen» in Bezug auf die Diskussion, dass sich die Social-Media-Plattformen mit der Zeit zu virtuellen Friedhöfen entwickeln werden.

Die Studie ist als eine interdisziplinäre, qualitative Analyse angelegt und nimmt (a) sozial- und kulturwissenschaftliche Befunde zur aktuellen „Begräbnisdramaturgie“ auf, (b) untersucht die literarische Darstellung des Begräbnisrituals und des darin eingebetteten Sprechens im zeitgenössischen Literaturschaffen der Schweiz und (c) schlägt Szenarien für gelingende Toten- Leichen- oder Grabreden vor.