18. September 2008, 20:00, Martinskirche Basel

Überalltag

2. Sinfonie (Lobgesang) von Felix Mendelssohn-Bartholdy

Aufführungen
Martinskirche Basel, 18. September 2008, 20:00
Martinskirche Basel, 19. September 2008, 20:00

Musikalische Leitung Brigitte Giovanoli
Inszenierung Serge Honegger
Licht Michel Güntert / Regina Meier

Sopran I Maria Mollica
Sopran II Mojca Vedernjak
Tenor Simon Witzig

Chor und Orchester Incanto

Programm
Erster Teil: 2. Symphonie (Lobgesang) von Felix Mendelssohn-Bartholdy Nr. 1 bis 5
Zweiter Teil: Schlagzeugimprovisationen von Marc Rebetez
Dritter Teil: 2. Symphonie (Lobgesang) von Felix Mendelssohn-Bartholdy Nr. 6 bis 10
Vierter Teil: Valse Triste von Jean Sibelius

Waschmaschinenlandschaften – Programmheftbeitrag von Serge Honegger
Ich habe mir vorgestellt, wie es wäre, wenn die Waschmaschinen von einem Tag auf den anderen in der Kirche aus dem Boden gewachsen wären. Welche Reaktionen wären zu erwarten? – Es gäbe sicher eine Vielzahl von Zeitungsberichten und aufgeregte Diskussionen in der Stadt. Vielleicht spräche man diesen gewachsenen Denkmälern des Waschens eine heilende Wirkung zu und die Leute würden extra dafür nach Basel pilgern. Zuweilen setzte sich die eine oder andere Maschine in Bewegung, um einen Waschvorgang zu starten. Das dabei entstehende Geräusch würde in der Kirche unheimlich und beruhigend zugleich wirken. Die Menschen, die zu diesem Wunder nach Basel gereist wären, sässen genau dort, wo Sie jetzt sitzen. Man würde sich die Frage stellen, welcher Sinn diesem aussergewöhnlichen und auch beunruhigenden Vorfall zugrunde liegen könnte. Mit Sicherheit gäbe es viele Verunsicherte, die darin ein Unheilszeichen sehen würden. Niemandem gelänge es aber, sicher der Faszination dieser unerwarteten Laune der Schöpfung zu entziehen. Diesem oder jenem Pilgernden könnte, nachdem er der Kirche einen Besuch abgestattet hätte, in der Nacht ein Albtraum wie der folgende den Schlaf stören:

Das Bild, das aus der Unbestimmtheit auftaucht, ist zuerst farbig und freundlich. Eine grüne Wiese mit vereinzeltem Baumwuchs und flatternde Kleider an langen Wäscheleinen sind zu sehen. Ein schönes und freudiges Gefühl überkommt den Träumenden. Dann verwandelt sich die Wiese in eine steinige Wüste. Aus dem Sand wachsen hohe Mauern, von den Bäumen gibt es nur noch die Strünke. Diese erscheinen dem Träumenden beim Nähertreten als metallene Kisten. Darin ist ein Rauschen und Rumoren zu vernehmen. Auf der Vorderseite wächst den maschinenartigen Gebilden ein glasiges, blindes Auge. Dem Träumenden ist weder nach Lachen noch nach Weinen zumute. Unvermittelt verwandelt sich die Szenerie in die Überreste eines alten Gräberfeldes. Die Inschriften auf den metallenen Grabmälern sind nicht mehr zu entziffern, die Toten, die sich dem ewigen Drehen und Kreisen ein Leben lang ausgesetzt haben, bleiben ohne Namen. Plötzlich werden die Augen der Maschinen blutig, das Wasser färbt sich rot und beginnt zu schäumen. Die Scheiben und Gehäuse zerspringen, worauf misshandelte, verkrüppelte und verkohlte Lebewesen – zusammengeknüllten Wäschestücken ähnlich – mit grässlichen schrillen und schreienden Stimmen aus den Trommeln steigen. Der Träumende bemerkt eine sich rasch ausbreitende Finsternis.

In der Inszenierung gehen die Sängerinnen und Sänger um die Maschinen herum, sie waschen, falten, ordnen, verteilen und verräumen das Textile. Dieses tragen si sonst um ihren Körper, sie schlafen darauf oder legen es über die Esszimmertische. Dabei wird es dreckig, bekommt Falten und verliert den Glanz. Alles zerfällt, wird unansehnlich, grau und geht mit der Zeit kaputt. Die Darstellerinnen und Darsteller setzen sich mit Langmut über diese Zumutungen der Welt hinweg. Jeder Tag erfordert von neuem Hingabe und Sorgfalt gegenüber den alltäglichen Verrichtungen, weil die Dunkelheit sonst überhand zu nehmen droht.

Der Alltag erscheint in der Aufführung als ein Moment, das über dem normalen Strom des Alltäglichen existiert. Im Kunstwerk, da lächeln und lachen kann, weil sein Gewicht leichter ist als das Wirkliche, findet die Verwirklichung der Sehnsucht nach Nichtalltäglichkeit statt. In der Musik, im Lobgesang und auf der Bühne erscheint er in der Welt, dieser verwandelte und beflügelte Alltag.

Überalltag: Die Kraft der unspektakulären Wiederholung – Programmheftbeitrag von Thomas Brunnschweiler
Das Projekt «Überalltag» ist […] der Versuch, Alltag und Gotteslob zu verbinden. Um diese Verbindung deutlicher zu machen, greift Regisseur Serge Honegger auf die Metapher des Waschens zurück, die eine von vielen alltäglichen Verrichtungen ist. Waschen, bügeln, Wäsche zusammenfalten – das sind nicht nur alltägliche Tätigkeiten, es sind auch solche, die von einer routinemässigen Wiederholung geprägt sind. Beim Kochen oder Schreiben kann man das Produkt nahezu beliebig variieren, immer Neues schaffen. Aber beim Waschen und Putzen tut man immer wieder dasselbe. Es entsteht nichts neues und oft dämmert der Gedanke herauf, das Ganze sei eigentlich Sisyphusarbeit. Vieles am Alltag ist Wiederholung, die nichts Neues schafft, die nur wieder – holt, beim Waschen etwa die Sauberkeit der Textilien.

Auch im spirituellen Leben gibt es Wiederholungen, die scheinbar sinnlos sind: Das Herzensgebet, die Litaneien, der Rosenkranz, das tägliche Psalmodieren der Mönche. Auch hier wird etwas wieder geholt, nämlich die Offenheit gegenüber Gott, das Vertrauen, die Bindung. Das immerwährende Gotteslob der Klöster ist nichts anderes als Wiederholung und nochmals Wiederholung. Diese ist aber nicht sinnlos, sie ist treue Einübung eines lebensnotwendigen Vorgangs, die letztlich zu Vertiefung und Geborgenheit führt.

Beim Waschen geht es um die Sauberkeit, die Erneuerung unserer nächsten Umwelt; beim Beten geht es um die innere Erneuerung. Waschen ist insofern der säkularisierte Lobgesang, der Lobgesang dagegen die spirituelle Waschung der Seele. Diese beiden Welten sollen auf der Bühne zusammengeführt werden, möglichst drastisch und optisch sichtbar. Deshalb tritt der Chor aus der Erhabenheit uniformer dunkler Kleidung hinaus in die Kleidung des Alltags. Die Tätigkeit des Waschens, Bügelns, Wäschezusammenlegens wird im Vordergrund angedeutet; Waschmaschinen erinnern unter anderem auch an Gebetsmühlen. Der Lobgesang wird mit dem säkularisierten Lobgesang der alltäglichen Wiederholung verknüpft.

Das Schlagzeugsolo [«Schleudergang» zwischen Nummer 5 und 6 der Sinfonie] soll die Illusion der totalen Harmonie durchbrechen. Die wohltuende, Leben schaffende Wiederholung – denken wir auch an den Puls, den Atem – ist ständig gefährdet durch das Hereinbrechen des Chaos, der lebensfeindlichen Kräfte, die sich oft als originelle Alternativen zur Wiederholung ausgeben. Was würde etwas passieren, wenn das Herz in origineller Ungleichmässigkeit schlagen würde? Was würde passieren, wenn wir uns vornähmen, einmal einige Minuten nicht mehr zu atmen, weil das originell wäre? Die heutige Welt ist gerade gefährdet durch ihren grossen Hang zum Originellen. […] «Überalltag» ist ein Plädoyer für die Kraft der unspektakulären Wiederholung. Selbstverständlich spielen bei der Inszenierung noch andere Motive hinein. Das Weiss der Wäsche etwa evoziert Reinheit und Licht. Die Inszenierung von Serge Honegger will nicht alles im Diskursiven auflösen, sondern den Raum für freie Assoziationen öffnen.