PROGRAMMHEFTARTIKEL ZUM TRIPLE BILL «PARADIGMA»

Sobald sich unser Handeln an einem Modell oder einem Regelsystem ausrichtet, folgen wir einem Paradigma. Aus diesem leitet sich automatisch ein Muster ab, das gewisse Handlungen zulässt und andere ausschließt. Im künstlerischen Kontext hat ein herrschendes Regelsystem immer zu intensiven Auseinandersetzungen geführt, entweder, indem man sich den Regeln unterwarf, sie neu interpretierte oder den Kanon komplett über den Haufen warf. Die Geschichte des Tanzes ist von solchen Entwicklungen ganz grundsätzlich geprägt. Weil das bloße Nachtanzen einer vorgegebenen Form rasch zu einer seelenlosen Leerformel erstarrt, streben Tanzschaffende danach, Ausdruckspotenziale freizulegen.

Dramaturgisch verbunden sind die dre Stücke des Ballettabends «Paradigma» durch ihre Auseinandersetzung mit den Grenzen und Möglichkeiten einer vorgegebenen Struktur. So lässt sich in allen drei Stücken deutlich verfolgen, wie auf die anfängliche künstlerische Setzung eine Überschreitung der Ausgangsbedingungen folgt. In «Bedroom Folk» von Sharon Eyal und Gai Behar ist es der Puls der elektronischen Musik, der die Zeit in eine strikt organisierte Folge von einzelnen Momenten einteilt. Auf dieses strikte akustische Muster reagieren die Tänzerinnen und Tänzer, indem sie aus dem Zwang des Rhythmus schöpferisches Potenzial gewinnen und jene Möglichkeiten ausloten, die ihnen vom akustischen System gewährt werden.

Russell Maliphants Choreographie «Broken Fall» hat eines der machtvollsten Strukturelemente überhaupt zum Gegenstand: Das Nichts. In seiner reinsten Form ist das Nichts gar nicht darstellbar, was zu einem Paradox führt, wenn es musikalisch oder choreographisch gestaltet werden soll. In “Broken Fall” taucht das Nichts zum einen in der Evokation des Fallens auf. In immer wieder neuen Variationen schafft das Tänzer-Trio Situationen, in denen das Risiko des Loslassens für das Publikum spürbar wird.

Für «With a Chance of Rain» hat Liam Scarlett Präludien von Sergei W. Rachmaninow zu einem Reigen zusammengestellt, der ein ganzes Spektrum des Seelenlebens abbildet. Die vorgegebene Struktur in «With a Chance of Rain» besteht in der auskomponierten und pianistisch genau austarierten Evokation von Gefühlswelten, die von einem melancholischen Grundton geprägt sind. Liam Scarlett antwortet choreographisch auf Rachmaninows lyrisches und dramatisches Klavierwerk, indem er mit den Mitteln eines aus dem neoklassischen Ballett entwickelten Formenrepertoires einen Verlauf unterschiedlicher emotionaler Zustände konstruiert.
 

Wie jedem Paradigma eine eigene Ordnung eigen ist, so sind auch immer Kräfte am Werk, die dem dominanten Schema zuwiderlaufen und genau daraus schöpferischen Antrieb gewinnen. In allen drei Choreographien in «Paradigma» sind diese Impulse deutlich wahrnehmbar. Entweder folgen sie der vorgegebenen Ordnung oder setzen einen Kontrapunkt, womit sie dem übergeordneten Paradigma eine zusätzliche Ausdrucksmöglichkeit hinzufügen. Aus diesem spannungsreichen Spiel in den drei choreographischen Handschriften gewinnt der Ballettabend seine Dynamik. Er zeigt den Spielraum auf, der in jeder Begrenzung vorhanden ist.

Auszug aus dem Programmheft zum Triple Bill «Paradigma»

Premiere beim Bayerischen Staatsballett im Nationaltheater München am 18. Dezember 2020

Fotos: © Bayerisches Staatsballett / Katja Lotter

Text: © Bayerisches Staatsballett / Serge Honegger